RJ-Saturation: Handbuch
RJ-Saturation ist der Sättiger, den ich mir immer gewünscht habe: einer, dem ich beim Arbeiten glauben kann. Statt eines Channelstrips mit versteckten Stufen steckt hier eine einzige Gleichung dahinter. Der Dry-Pfad bleibt bit-exakt unangetastet, und alles Nichtlineare kommt als ein einziger, linear-freier „Grit" dazu. Das Beste daran: Du zeichnest die Harmonischen direkt auf ein lebendes Spektrum und siehst genau das, was die Sättigung wirklich hinzufügt. Nichts wird behauptet, was du nicht auch messen kannst.
Überblick
RJ-Saturation baut auf einer „OneGrit"-Architektur auf. Der trockene Signalweg bleibt bit-exakt, und die gesamte Nichtlinearität wird als ein einzelnes, linear-freies Residuum wieder dazugemischt. Linear-frei heißt: Der Grit enthält keinen Anteil, der das Original nur lauter oder leiser macht. Er besteht aus reinen Harmonischen plus einer kontrollierten Kompression der Grundschwingung. Deshalb gibt es kein Kammfilter gegen das Dry-Signal und in der Voreinstellung null gemeldete Latenz, ganz ohne Oversampling, weil der Grit über ADAA bereits aliasing-arm entsteht.
Merke dir eine Sache: Bei Drive 0 ist das Plugin ein bit-exakter Bypass, egal was sonst eingestellt ist. Grit entsteht erst, sobald du Drive aufdrehst.
Denselben Grit betrachtest du durch vier Linsen, den vier Tabs im Zentrum: HARMONICS (die Rezeptur), FOCUS (ein Grit-EQ, der entscheidet, wo die Farbe landet), COLOR (ein zeichenbares Gesetz von Pegel gegen Sättigungstiefe) und CURVE (die Übertragungskurve selbst als geformte Kurve). Gleicher Grit, andere Perspektive.
Die Oberfläche
Das Herzstück ist der HARMONICS-Tab: eine interaktive Harmonie-Rezeptur, die über einem lebenden Spektrum schwebt. Zwei bewusst entkoppelte Achsen-Sprachen liegen in einem Plot übereinander.
- Der Hintergrund ist die Realität auf einer logarithmischen Frequenzachse von 20 Hz bis 20 kHz. Zwei Kurven laufen darüber: OUT (gedämpftes Rosé) zeigt das Ausgangsspektrum als Kontext, DELTA (Blau) zeigt ausschließlich das, was die Sättigung hinzufügt, direkt aus der Engine und auf echtem Programmmaterial statt auf einem Testton. Bei Drive 0 ist die DELTA-Kurve still.
- Der Vordergrund ist die Rezeptur auf einer Ordnungsachse H1 bis H8 (Beschriftung oben, dBc-Skala links). Die x-Positionen der Pins tragen keine Frequenzbedeutung. Die Rezeptur gilt für jeden Ton gleich: Eine 60-Hz-Kick bekommt denselben harmonischen Aufbau wie ein 400-Hz-Vocal.
- Die SLOPE-Linie (weinrot, ziehbar) ist der Slope-Parameter, die Neigung der Harmonischen in dB pro Ordnung. Sie startet bei H1 auf 0 dB und sitzt bei Ordnung n auf (n−1)·Slope. Steiler heißt weicher und runder, flacher heißt mehr Biss in den hohen Ordnungen.
- Die TRIM-Pins H2 bis H8 reiten auf der Slope-Linie und heben oder senken eine einzelne Harmonische relativ zur Linie. Doppelklick setzt zurück. Jeder Trim ist ein eigener leckfreier Chebyshev-Zweig, der genau seine Ordnung beisteuert.
Fährst du mit der Maus über die Slope-Linie (unter einem stehenden Sinus), erscheint neben SLOPE (was du gezeichnet hast) auch FIT (die driftkalibrierte, gemessene Neigung aus H3/H5/H7). Bei flachen Trims müssen beide übereinstimmen. Das ist die Kalibrierung, direkt im Plugin ablesbar.
Rechts außen sitzt eine schmale Stereo-Ausgangsmeter-Spalte (L/R, Peak, −60 bis 0 dB). Sie zeigt nur an, sie greift nicht ein.
Im Header liegt oben links der Power-/Bypass-Ring (der Host-Master-Bypass, leuchtend weinrot = aktiv, gedimmt = Bypass), daneben der Schriftzug und rechts der Preset-Wähler. Im Footer findest du links DELTA SOLO, MAKEUP und DRAW, rechts CLIP und OS.
Regler & Parameter
Die Knopfreihe
- Drive: 0 – 24 dB. Das Eingangs-Pre-Gain in den Grit und damit die Grundmenge an Sättigung. 0 dB = bit-exakter Bypass. Die Kennlinie ist gamma-6-getappert, also feine Auflösung im unteren dB-Bereich (rund 0.1 dB nahe 40 % Reglerweg). Das ist reines Reglergefühl, die DSP bekommt die rohen dB.
- Character: SOFT … FIRM, 0 – 100 %. Morpht zwischen zwei ungeradzahligen Kernen. SOFT (0 %) ist odd-Lorentz mit weichem geometrischem Rolloff, FIRM (100 %) ist der Giannoulis-Cubic, straffer und kompakter. Beide erzeugen ungerade Harmonische (H3, H5, …), Character verschiebt die Balance der Reihe.
- Even: 0 – 100 %. Dosiert den geradzahligen Kern dazu (H2, H4, …), also Wärme und röhrenartige Fülle. 0 % ist rein ungerade. Gamma-6-Kennlinie. Die Richtung der Asymmetrie ist ein fester Voicing-Default, es gibt keinen Polaritätsschalter, weil + und − identisch klingen und messen.
- Tracking: 0 – 100 %, Default 70. Der oft missverstandene Regler. Er ist kein normaler Parameter, sondern ein Seeder für die COLOR-Kurve und schreibt deren 7 Knoten aus einer Formel. 0 % = exakte Diagonale (analog, Farbe folgt dem Pegel 1:1), 100 % = flache Kurve (pegelinvariant), dazwischen eine Mischung mit natürlicher Entlastung unterhalb von etwa −30 dBFS. Sobald du einen COLOR-Knoten ziehst, gewinnt deine Kurve, bis du den Knopf erneut bewegst.
- Keep: Transient Keep, 0 – 100 %, Default 0. Duckt den Grit auf Transienten, damit Attacks sauber bleiben und Drums ihren Punch behalten. Ein gekoppelter Transienten-Detektor senkt kurz nur das Wet-Gewicht des Grits, Dry und Grit-History bleiben unangetastet. 0 % = bit-exakt aus, der Sustain-Farbton bleibt voll erhalten.
- Width: Harmonic Width, 0 – 100 %, Default 0. Stereobreite aus der Sättigung selbst, über eine echte Differenz der Harmonischen zwischen L und R. L betont ungerade und beschneidet gerade, R umgekehrt mit kleinerem Faktor, also kein Spiegelbild. Ein Per-Channel-Makeup hält H1 exakt flach zwischen L und R, damit Grundton und Bass nicht wandern. Nur die Harmonischen öffnen sich. Width 0 = bit-exakt, kein Chorus.
- Mix: 0 – 100 %, Default 100. Dry/Wet, aber nur auf dem Grit (das Dry-Signal wird nie skaliert). Für Parallel-Sättigung drehst du Mix herunter und Drive hoch, dann liegen dichte Harmonische unter dem intakten Original. Unterhalb von etwa 6 dB Drive baut sich das Wet-Gewicht zusätzlich mit auf.
Slope & Trims (HARMONICS)
- Slope: −30 … −9.5 dB/Ordnung, Default −18. Bei Ordnung n sitzt die Linie auf (n−1)·Slope. Steiler = weicher, flacher = mehr Biss. Bei OS off klemmt die Engine auf −12 (0-Oversampling-Politik), die Zone bis −9.5 öffnet sich nur mit 2x OS.
- Trim H2 … H8: −12 … +12 dB, Default 0. Sieben unabhängige Per-Harmonic-Trims relativ zur Slope-Linie. Bei einem Boost erscheint der ehrliche Hinweis +IMD, weil diese Ordnung ihre Intermodulationsprodukte wieder zulässt. Gerade Trims wirken bei jedem Wert ungleich null, ungerade Trims nur beim Anheben.
FOCUS (Grit-EQ)
Ein 6-Band-EQ, der nur auf den Grit wirkt: Anheben heißt mehr Harmonische genau dort, Absenken weniger. WYSIWYG mit dem blauen DELTA dahinter, das der gezeichneten Kurve buchstäblich folgt. Der Dry-Pfad bleibt bit-exakt (der Filter sitzt nur im Wet-Zweig), Latenz 0.
- 4 Tone-Bänder (LS | Bell | Bell | HS): Freq 20 – 20000 Hz, Gain −12 … +12 dB, Width 0.25 – 3.0 oct, jeweils On/Off. Default-Frequenzen 120 / 500 / 3000 / 8000 Hz.
- Low Cut / High Cut: TrueShape-2-Cuts mit exaktem Sperrband, Slope 12 / 24 / 36 / 48 dB/oct. Graue Handles auf der 0-dB-Linie, Ziehen = Freq, Mausrad = Slope, Doppelklick = On/Off. „Harmonische nur zwischen 300 Hz und 5 kHz" ist damit eine Zwei-Handle-Geste.
Ein offengelegter Kompromiss: Der Grit trägt am Arbeitspunkt eine kleine Grundton-Komponente. Zeichnest du extrem (±12 dB) direkt auf dem Grundton bei vollem Drive, kann sich H1 um bis zu etwa 3.6 dB bewegen. Bei Mastering-Drives ist das um Größenordnungen weniger, das Dry bleibt unberührt.
COLOR (Pegel-Farb-Gesetz)
Ein zeichenbares Gesetz: Bei diesem Eingangspegel soll die Sättigung so tief sein. X = gemessener Pegel (−60 … 0 dBFS), Y = Ziel-Arbeitspegel (dBFS). Eine flache Linie ist ein pegelinvarianter Fingerabdruck, die Diagonale (Y=X) ist klassisch analog (lauter rein = tiefer gesättigt).
- 7 vertikale Knoten auf einem −60 … 0 dBFS-Raster (10-dB-Schritte), frei ziehbar. Ein Live-Cursor zeigt den aktuellen Detektor-Pegel und seine Lage auf der Kurve (TRACK-Anzeige).
- Schattierte Zonen: unter −50 dBFS Freeze (der Detektor jagt keine Stille), −50 … −40 Release (die Korrektur blendet sauber aus).
- Der Detektor ist stereo-verkoppelt (ein Wert für L+R, kein Wandern des Stereobilds) und langsam (2 s Release, ein Mastering-Slow-AGC) mit sofortigem Attack-Schutz.
CURVE (die Übertragungskurve, Expert-Feature)
Forme den Grit-Kern als Kurve (Eingang gegen Ausgang, normiert auf [−1, 1]). Im Default MORPH laufen die glatten Mathematik-Kerne (Character/Even). Aktivierst du DRAW, bleibt diese Morph-Form deine Basis, und du legst eine geformte Abweichung darüber.
- Curve nodes: 9 ziehbare Y-Knoten auf festem X-Raster über [−1, 1], gespeichert als Abweichung von der Morph-Basis. Zeichnest du nichts (Abweichung 0), ist DRAW bit-identisch zu MORPH, kein Sprung beim Einschalten.
- Die Abweichung ist eine glatte Grad-5-Least-Squares-Näherung, keine Interpolation durch jeden Knoten. Ein Strich wird so zu einer breiten, weichen Delle statt zu einer scharfen Spitze und hat von Konstruktion her keine Harmonischen oberhalb von H5. Die Knoten sind Ziele, keine Zwänge: Die Kurve läuft bewusst nicht durch jeden Knoten (ein dünner Verbinder zeigt die Lücke).
Nicht mit Clip verwechseln: DRAW ist die weiche formbare Kurve, der harte Fang ist der separate Clip-Softclip im Footer.
Footer-Schalter
- Delta Solo (Off/On): Soliert den Grit allein (Output = nur w·grit, kein Dry), damit du hörst, was du hinzufügst. Ehrlich „Delta" genannt, weil das Residuum am Arbeitspunkt eine Kompressionskomponente trägt, also die echte Differenz gegen Dry und kein reines Harmonischen-Signal.
- Makeup (On/Off, Default On): Grundton-Pegel-Kompensation. Der Grit komprimiert den Grundton leicht, Makeup multipliziert mit 1/G1 (geschlossene Form), damit Drive die Grundton-Lautheit nicht verschiebt. Du hörst mehr Sättigung, nicht mehr Lautstärke. Schaltbar und offengelegt.
- Clip (Default Off): Ein peak-bezogener weicher C1-Ausgangsclipper (derselbe verifizierte Cubic-Kern wie CHARACTER-FIRM, ADAA, 0 Latenz). Ein Klick öffnet ein kleines Panel mit ENABLED, Ceiling (−12 … 0 dB, Default −3 = Knie) und Amount (0 – 100 %, Default 60 = Blend). Zum sanften Zusammenhalten des Ausgangs oder zum Zähmen von Spitzen.
- OS (Oversampling 2x, Default Off): Opt-in. Off = 0-Oversampling-Politik (0 Latenz, bit-exaktes Dry, Slope-Klemme −12 … −30). On = 2x, die ganze Engine oversampled, die Slope-Klemme öffnet bis −9.5 (rund 14 dB weniger Alias-Spurs). Unter 2x läuft auch der Dry-Pfad durch die OS-Filter (winzige HF-Phasenfärbung), deshalb gilt der bit-exakt/0-Latenz-Anspruch für den Default OS-off. Das Umschalten bereitet die Engine neu vor, es ist eine Setup-Entscheidung, kein Automations-Parameter.
- Draw (Off = MORPH / On = DRAWN): Bewaffnet den CURVE-Tab (siehe oben) und springt beim Einschalten dorthin.
Workflow
RJ-Saturation ist auf direktes Arbeiten am Bild ausgelegt:
- Slope-Linie ziehen setzt die harmonische Neigung, die Trim-Pins H2 bis H8 formen einzelne Ordnungen.
- Doppelklick setzt jeden Pin oder Knoten auf den Default zurück.
- DELTA SOLO lässt dich hören, was der Grit allein macht, das blaue DELTA zeigt es dir parallel.
- Tabs wechseln, um denselben Grit anders zu formen: Rezeptur in HARMONICS, Ort in FOCUS, Pegelabhängigkeit in COLOR, Kernform in CURVE.
Praxis-Tipps
- Sanfte Mastering-Röhre: Drive 1 – 3 dB, Even etwa 30 %, Character Richtung SOFT, Slope um −18, Tracking 70, Makeup an, Keep etwa 50. Wärme, die man spürt, aber nicht sucht.
- Aggressive Kante: Character Richtung FIRM, Slope flacher (−12 … −14), H3 und H5 anheben, Keep etwa 30.
- Farbe nur in den Mitten: In FOCUS ein Bell auf die Mitten mit +6 dB, der Rest aus. Die Harmonischen landen in den Mitten, Höhen und Tiefen bleiben sauber.
- Breite aus der Sättigung: Erst Even etwas anheben (ein wenig H2/H4), dann Width hoch. Ein subtiles, mono-sicheres Aufweiten, weil H1 in der Mitte flach gehalten wird.
- De-Fizz auf Ausklängen: Zieh die COLOR-Knoten unterhalb von −30 dBFS nach unten (oder Tracking höher). Leise Passagen zischeln dann weniger.
Für den schnellen Einstieg liegen 7 Factory-Voices bei (Init, Clean Console, Tube, Tape, Iron (Neve), Iron (API), Mastering Glue). Sie setzen nur die formenden Parameter (Drive, Character, Even, Slope, Trims, Tracking, Keep) und lassen Routing, OS, Width und Clip als deinen Mix-Kontext offen. Physik-fundierte Startpunkte, nach Gehör gevoiced.
Installation & Aktivierung
RJ-Saturation läuft als VST3, AU und AAX auf macOS und Windows.
- Installer laden und starten, DAW neu öffnen.
- Beim ersten Start läuft die 30-tägige, voll funktionsfähige Testversion, ohne Einschränkungen.
- Nach dem Kauf trägst du deinen Lizenzschlüssel im Info-Bereich des Plugins ein. Fertig. Der Schlüssel gilt für Mac und Windows gleichermaßen.
Fragen zur Aktivierung oder zum Workflow? Schreib mir direkt. Ich baue diese Tools selbst und helfe gern.